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Bandagierung & Versorgungsphasen — Der Weg zur kontrollierten Schwellung
Die Therapie eines Lymphödems folgt einem klaren Plan: erst entstaunen, dann erhalten. Diese zwei Phasen — Entstauung und Erhaltung — sind das Grundgerüst der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE). In Phase 1 steht die kompressive Bandagierung im Mittelpunkt: Mit Kurzzugbinden, Polsterung und Technik wird das geschwollene Gewebe entstaut. In Phase 2 übernimmt der maßgefertigte Kompressionsstrumpf die Arbeit. Diese Seite erklärt beide Phasen im Detail — damit Sie wissen, was auf Sie zukommt und warum jeder Schritt wichtig ist.
Das Zwei-Phasen-Modell der KPE
|
Phase 1: Entstauung |
Phase 2: Erhaltung |
| Ziel |
Schwellung maximal reduzieren |
Ergebnis halten, Verschlechterung verhindern |
| Dauer |
2–6 Wochen (ambulant oder stationär) |
Lebenslang |
| Kompression |
Bandagierung mit Kurzzugbinden |
Flachstrick-Kompression (maßgefertigt) |
| MLD |
Täglich (5× pro Woche) |
1–3× pro Woche |
| Bewegung |
Entstauungsgymnastik in Bandage |
Sport mit Kompression |
| Hautpflege |
Vor jeder Bandagierung |
Täglich abends |
| Setting |
Lymphtherapeut / Lymphklinik |
Selbstmanagement + ambulante Therapie |
Phase 1: Die Entstauung — intensiv und wirkungsvoll
Warum Bandagierung und nicht gleich ein Strumpf?
In der Entstauungsphase verändert sich der Umfang des Beins oder Arms täglich — mit jeder MLD-Sitzung wird die Schwellung kleiner. Ein maßgefertigter Strumpf würde nach wenigen Tagen nicht mehr passen, weil das Bein dünner geworden ist. Bandagen lassen sich jeden Tag neu anpassen — sie „wachsen" mit der Entstauung mit.
Außerdem:
- Polsterung: Bandagen können mit Schaumstoff gepolstert werden — fibrotisches (verhärtetes) Gewebe wird gezielt bearbeitet
- 24-Stunden-Kompression: Bandagen bleiben Tag und Nacht dran — Strümpfe werden nachts ausgezogen
- Flexibilität: Druckverteilung kann durch die Wickeltechnik gezielt gesteuert werden
So läuft die Entstauungsphase ab
Tag für Tag — der typische Rhythmus
- Bandage abnehmen (morgens beim Therapeuten)
- Haut kontrollieren: Druckstellen? Rötungen? Hautschäden?
- Haut pflegen: pH-neutrale Creme auftragen — die Haut braucht Feuchtigkeit
- Manuelle Lymphdrainage: 30–60 Minuten sanfte Massage — Lymphabfluss aktivieren
- Neu bandagieren: Mit frischer Polsterung, angepasst an den aktuellen Umfang
- Entstauungsgymnastik: 15–20 Minuten spezielle Übungen in Bandagierung
- Bandage bleibt dran bis zum nächsten Termin (24 Stunden)
Dauer der Entstauungsphase
- Leichtes Lymphödem (Stadium I): 1–2 Wochen, ambulant
- Mittleres Lymphödem (Stadium II): 2–4 Wochen, ambulant oder stationär
- Schweres Lymphödem (Stadium III): 3–6 Wochen, meist stationär in einer Lymphklinik
- Abschluss: Wenn der Umfang sich stabilisiert hat (kein weiterer Rückgang in 3–4 Sitzungen hintereinander)
Die Bandagierung im Detail
Schicht 1: Hautschutz
- Schlauchverband: Dünner Baumwollschlauch als erste Schicht direkt auf der Haut
- Funktion: Schützt die Haut vor direktem Kontakt mit der Polsterung, nimmt Schweiß auf
- Varianten: Verschiedene Breiten für Finger, Hand, Arm, Fuß, Bein
Schicht 2: Polsterung — das Geheimnis der guten Bandage
Die Polsterung ist entscheidender als die Binde selbst. Sie gleicht Unebenheiten aus und schützt empfindliche Stellen:
- Synthetische Watte: Gleichmäßige Polsterschicht um das gesamte Bein/den Arm — verhindert Druckspitzen
- Schaumstoffplatten (Komprex): Dicke, feste Schaumstofflagen, die Unebenheiten ausgleichen:
- Knöchelpolster — schützt die empfindlichen Knöchelknochen
- Schienbeinpolster — schützt die Schienbeinkante
- Kniekehlpolster — füllt die Hohlräume in der Kniekehle aus
- Hautfaltenpolster — formt Gewebeüberhänge in eine gleichmäßige Oberfläche
- Chip-Pads: Strukturierte Schaumstoffplatten mit kleinen Erhebungen — gezielter Druck auf fibrotisches (verhärtetes) Gewebe. Weicht Fibrose auf
- Schaumstoffbinden: Aufwickelbare Polsterbinden — gleichmäßige Polsterung in einer Lage
- Finger-/Zehen-Polster: Einzelne Polster für jede Zehe oder jeden Finger — bei Schwellung der Endglieder
Schicht 3: Kurzzugbinden — der Druck
- Material: Baumwoll-Elastik-Gewebe mit geringer Dehnbarkeit (max. 60–70 % Dehnung) — deshalb „Kurzzug"
- Prinzip: Hoher Arbeitsdruck (bei Bewegung) + niedriger Ruhedruck (in Ruhe) = Tag und Nacht tragbar
- Breiten:
- 4 cm: Finger und Zehen
- 6 cm: Hand und Fuß
- 8 cm: Unterarm, Unterschenkel
- 10 cm: Oberarm, Wade
- 12 cm: Oberschenkel
- Lagen: 2–4 Lagen übereinander, jeweils mit 50 % Überlappung — jede Lage addiert Druck
- Zug: Gleichmäßig und kontrolliert — nicht zu fest (Abschnürung), nicht zu locker (kein Effekt). Der Therapeut lernt das in der Ausbildung
- Richtung: Immer von distal nach proximal (von den Zehen/Fingern nach oben) — fördert den Rückfluss
Schicht 4: Fixierung
- Tape: Klebestreifen fixieren das Ende der Binde
- Keine Klammern: Metallklammern können die Haut verletzen — bei Lymphödem ein Risiko (Erysipel!)
- Binden-Ende: Wird umgeschlagen und glattgestrichen — kein wulstiges Ende, das drückt
Bandagierung am Bein — Schritt für Schritt
- Zehenbandage: Jede Zehe einzeln mit schmaler Binde umwickeln (4 cm) — von der Zehenspitze zur Zehenbasis
- Fußbandage: Fuß mit 6-cm-Binde in Achtertouren umwickeln — Ferse einschließen, Fußrücken und Sohle komprimieren
- Polsterung anlegen: Watte + Schaumstoffplatten um Knöchel, Schienbein, Kniekehle
- Unterschenkel: 8–10-cm-Binden von Knöchel bis Knie — 2 Lagen mit 50 % Überlappung
- Knie: Separate 8-cm-Binde um das Knie — Beugefähigkeit erhalten!
- Oberschenkel: 10–12-cm-Binden bis zur Leiste — 2 Lagen
- Fixierung: Alle Enden mit Tape sichern
- Kontrolle: Zehen sichtbar? Beweglich? Durchblutung ok? Keine Taubheit?
Bandagierung am Arm — Schritt für Schritt
- Fingerbandage: Jeden Finger einzeln (4-cm-Binde) — besonders bei Handschwellung
- Handbandage: 6-cm-Binde um die Hand — Daumen separat einbinden
- Polsterung: Watte um Handgelenk, Ellenbogen, Oberarm
- Unterarm: 8-cm-Binde vom Handgelenk zum Ellenbogen
- Ellenbogen: Separate Binde — Beugefähigkeit erhalten
- Oberarm: 10-cm-Binde bis zur Schulter
- Fixierung und Kontrolle: Finger beweglich? Durchblutung ok?
Phase 2: Die Erhaltung — Ihr neuer Alltag
Übergang: Von der Bandage zum Strumpf
Wenn die Entstauung abgeschlossen ist, wird der finale Umfang gemessen — und Ihre maßgefertigte Flachstrick-Kompression bestellt:
- Timing: Messen direkt nach der letzten MLD — wenn die Beine maximal entstaut sind
- Bis zur Lieferung (7–14 Tage): Weiter bandagieren! Ohne Kompression schwillt das Gewebe sofort wieder an
- Anprobe: Wenn der Strumpf da ist, Sitz prüfen, Anzieh-Training, los geht's
Erhaltungstherapie — was bleibt
- Flachstrick-Kompression: Täglich, den ganzen Tag — morgens an, abends aus
- MLD: 1–3× pro Woche — je nach Schwere und Stabilität
- AIK-Heimgerät: Als Ergänzung zur MLD — besonders an therapiefreien Tagen
- Hautpflege: Jeden Abend nach dem Ausziehen der Kompression — pH-neutral, rückfettend
- Bewegung: Sport mit Kompression — Schwimmen, Radfahren, Walking, Yoga
- Neuversorgung: Alle 6 Monate neue Strümpfe (Kassenleistung)
Wenn die Schwellung wieder zunimmt
Manchmal reicht die Erhaltungstherapie nicht aus — die Schwellung nimmt wieder zu. Dann:
- Intensivierung: MLD-Frequenz erhöhen (2–3× statt 1× pro Woche)
- Zusätzliche AIK: Tägliche Eigentherapie zu Hause
- Nacht-Kompression: Wrap-Systeme oder Bandagierung nachts
- Erneute Entstauungsphase: Bei deutlicher Verschlechterung — zurück zu Phase 1 mit täglicher MLD und Bandagierung
- Neu messen: Die Kompressionsstrümpfe passen möglicherweise nicht mehr — Zwischenversorgung beantragen
Selbstbandagierung — Unabhängigkeit lernen
Eines der wichtigsten Ziele der Lymphödem-Therapie: Sie lernen, sich selbst zu bandagieren. Denn es gibt Situationen, in denen kein Therapeut verfügbar ist:
- Wochenende und Feiertage
- Urlaub
- Abends/nachts — wenn der Strumpf aus ist und die Schwellung zunimmt
- Notfall: Plötzliche Schwellung (z. B. nach langem Flug, bei Hitze)
Wo lernt man Selbstbandagierung?
- Beim Lymphtherapeuten: Im Rahmen der Entstauungsphase zeigt Ihnen Ihr Therapeut die Technik — Schritt für Schritt, mit Übung
- Im Sanitätshaus: Wir bieten Bandagierungs-Schulungen an — für Sie und Ihre Angehörigen
- In der Lymphklinik: Bei stationärer Entstauung gehört Selbstbandagierung zum Therapieplan
- Übung macht den Meister: Am Anfang dauert es 30–45 Minuten. Nach einigen Wochen: 15–20 Minuten
Tipps für die Selbstbandagierung
- Material griffbereit: Alles vorbereiten — Binden, Polster, Schlauchverband, Tape. Nichts ist frustrierender, als während des Wickelns etwas suchen zu müssen
- Im Sitzen bandagieren: Bein auf einem Hocker, Arm auf einem Tisch — entspannter als im Stehen
- Immer von unten nach oben: Zehen/Finger zuerst, dann nach oben arbeiten
- Gleichmäßiger Zug: Nicht zu fest, nicht zu locker. Faustregel: Sie sollen noch zwei Finger unter die Binde schieben können
- Zehen/Finger kontrollieren: Nach dem Bandagieren — sind sie warm? Beweglich? Keine Taubheit? Keine Blaufärbung?
- Binden nach dem Waschen rollen: Aufgerollte Binden sind viel leichter zu wickeln als flache
Angehörige einbeziehen
Für manche Stellen ist Selbstbandagierung schwierig — z. B. der Oberarm der betroffenen Seite nach Brust-OP (die andere Hand fehlt als Helfer). Dann ist es wichtig, dass:
- Partner:in oder Familienmitglied die Technik mitlernt
- Gemeinsam üben — unter Anleitung des Therapeuten oder bei uns im Haus
- Beide die Warnsignale kennen: Einschnürung, Taubheit, Blaufärbung → Bandage sofort öffnen
Moderne Alternativen zur klassischen Bandagierung
Wrap-/Klettsysteme
Für alle, die (noch) nicht selbst bandagieren können oder wollen:
- Juxta-Fit (medi): Klettsystem für Unterschenkel, Oberschenkel, Arm — in wenigen Minuten angelegt
- circaid (medi): Mit integrierten Druckkarten — Sie sehen am farbigen Indikator, ob der Druck stimmt
- Sigvaris Compreflex: Modulares Klettsystem — einzelne Segmente können nachgestellt werden
- Vorteil: 3–5 Minuten statt 20–30 Minuten für Bandagierung. Nachstellbar bei Schwankungen
- Kassenleistung auf Rezept
Polster-Kompressionssysteme (Ready-to-Wear)
- Tribute Night (Solaris): Vorgefertigte Nacht-Kompression mit Schaumstoffpolsterung — einfach anlegen, mit Klett fixieren
- Mobiderm (Thuasne): Schaumstoff-Bandage mit strukturierten Pads — aufweichende Wirkung auf Fibrose
- Ideal für die Nacht: Weich genug zum Schlafen, kompressiv genug für die Erhaltung
Material-Übersicht: Was Sie brauchen
| Material |
Funktion |
Kassenleistung |
| Schlauchverband |
Hautschutz, Schweißaufnahme |
✅ Ja |
| Synthetische Watte |
Gleichmäßige Polsterung |
✅ Ja |
| Schaumstoffplatten (Komprex) |
Ausgleich von Unebenheiten, Schutz |
✅ Ja |
| Chip-Pads |
Gezielter Druck auf Fibrose |
✅ Ja |
| Schaumstoffbinden |
Polsterung in Bindenform |
✅ Ja |
| Kurzzugbinden (4–12 cm) |
Kompression (Arbeitsdruck) |
✅ Ja |
| Finger-/Zehenbandagen |
Kompression der Endglieder |
✅ Ja |
| Tape (Fixierung) |
Bindenenden fixieren |
✅ Ja |
| Hautpflege |
pH-neutral, rückfettend |
Teilweise (Basispflege) |
Häufige Fragen
„Wie lange muss ich die Bandage tragen?"
In der Entstauungsphase: 24 Stunden — bis zur nächsten MLD. Nur zum Duschen (kurz!) und zur Haut kontrolle abnehmen. Das klingt viel, aber die Bandage ist dank Kurzzugbinden nachts deutlich angenehmer als ein Kompressionsstrumpf.
„Kann ich mit der Bandage duschen?"
Nein — die Bandage muss trocken bleiben. Kurz abnehmen, schnell duschen (Beine/Arme nicht lange hängen lassen!), abtrocknen, neu bandagieren oder sofort Kompression anziehen. Alternativ: Waschlappen-Wäsche mit angelegter Bandage.
„Ist die Bandage unbequem?"
Ehrlich: Die ersten 2–3 Tage sind gewöhnungsbedürftig. Danach berichten die meisten Patient:innen, dass die Beine/Arme sich leichter anfühlen als ohne Bandage — weil die Schwellung nachlässt. Nachts ist die Bandage dank Kurzzugbinden (niedriger Ruhedruck) überraschend gut tragbar.
„Kann ich mir selbst bandagieren?"
Ja — und Sie sollten es lernen! Selbstbandagierung ist ein fester Bestandteil der KPE. Ihr Therapeut und wir zeigen Ihnen die Technik. Es braucht Übung, aber nach einigen Wochen können die meisten Patient:innen ihre Beine oder Arme selbst bandagieren.
„Was ist besser: Bandage oder Wrap-System?"
In der Entstauungsphase ist die klassische Bandagierung überlegen — sie ist flexibler, anpassbarer und kann gezielter polstern. In der Erhaltungsphase (Nacht-Kompression, Selbstversorgung) sind Wrap-Systeme oft praktischer — schneller anzulegen, einfacher nachzustellen. Viele Patient:innen nutzen beides: Strumpf tagsüber, Wrap nachts.
„Was mache ich im Urlaub ohne Therapeuten?"
Drei Strategien: 1) Selbstbandagierung — wenn Sie es gelernt haben. 2) Wrap-System — einfacher als Bandagieren, für die Nacht. 3) AIK-Heimgerät mitnehmen — Entstauung ohne Therapeut. Und natürlich: Kompressionsstrümpfe tagsüber, Schwimmen, Bewegung.
Lettermann: Ihr Partner für Bandagierung und Versorgung
- Komplettes Bandagierungsmaterial: Kurzzugbinden, Polsterung, Schlauchverbände, Chip-Pads — alles auf Rezept
- Wrap-Systeme: Juxta-Fit, circaid, Compreflex — Anprobe und Einweisung vor Ort
- Nacht-Kompression: Polster-Kompressionssysteme für die Nacht
- Flachstrick-Kompression: Nahtloser Übergang von Phase 1 zu Phase 2 — wir messen, bestellen, prüfen
- AIK-Heimgeräte: Beratung, Verordnung, Einweisung
- Bandagierungs-Schulung: Für Sie und Ihre Angehörigen — Technik lernen, Material kennenlernen, üben
- Klinikversorgung: Wir versorgen Sie auch stationär — im Krankenhaus oder in der Lymphklinik
- 9 Standorte am Niederrhein
Phase 1 ist intensiv. Phase 2 ist lebenslang. Wir begleiten Sie durch beides.